Hans-Martin Sänger |
Der Zug nach Fortuna |
Für die Fahrkarte hatte ich meine Lebensversicherung beliehen. Es war eine Fernreise. Als ich auf den Bahnsteig kam, stand der Zug bereits. Eine Lok mit vier Wagen. Doch nur aus dem letzten schauten Menschen heraus. Ich lief nach vorne und wollte aufs Trittbrett, als mir jemand in den Arm
fiel. „Halt“, sagte der Schaffner. „Hier können Sie nicht hinein.“ Ich sah ihn über die Schulter an. „Warum nicht?“ „Dieser Wagen ist für die Schönen.“ „Aber – ich bin schön!“
Der Schaffner wies auf den Nachbarwaggon. „Versuchen Sie's dort.“ Als ich hinging, stand wieder ein Beamter da, vielleicht auch derselbe. „Nein!“ rief er mich an. „Nicht Sie.“
„Und weshalb nicht?“ „Der Wagen ist für die Klugen.“ „Aber – ich bin klug!“ Der Schaffner zeigte nach hinten. „Gehn Sie weiter.“
Unbesetzt auch der dritte Waggon. Doch erneut wehrte mir ein Mann – in Uniform sahen sich alle gleich. „Für die Starken“, sagte er. „Aber – ich bin...“ Der Bedienstete schnitt eine Grimasse. Am letzten Waggon hemmte mich niemand, und die Abteile waren brechend voll. Menschen saßen auf hölzernen Bänken, lehnten an Wänden, klebten in den Gängen aneinander, atmeten schwere, verqualmte Luft.
„Der Zug nach Fortuna fährt in wenigen Minuten ab“, kam es blechern von außen. Ich wich an die Tür zurück. Eine unerträgliche Atmosphäre. „Warum ist es hier so voll?“ fragte ich den Zugbegleiter.
„Ganz einfach“, sagte er. „Es ist der Wagen für die Fuzzis.“ „Für wen?“ „Die ... Belanglosen, wenn Sie wollen.“ „Aber – ich bin nicht belanglos!“ rief ich zornig. Von den Abteilen
her kam Gelächter. Ich sah verquollene Gesichter und leergetrunkene Augen, hörte Grölen, Flüche, Geschwätz. Und die Luft war nicht auszuhalten... Ich nahm meinen Koffer und sprang auf den Bahnsteig zurück. Ich war stark und klug
und schön; die Schaffner hatten keine Ahnung. Vorbei an leeren Fenstern lief ich wieder nach vorne. „Es fährt ab: der Schnellzug nach Fortuna“, kam da die Blechstimme. „Vorsicht an der Bahnsteigkante. Türen schließen
selbsttätig.“ Bevor ich herangesprungen war, klappten sie in ihre Rahmen. Ein Pfiff – und der Zug fuhr. Ich sah ihn schneller werden, die Halle verlassen und draußen in einer Linkskurve verschwinden. Am
Kartenschalter, wenig später, fragte ich nach Anschlußzügen, und der Beamte musterte mein Ticket. „Leider nicht für Sie“, sagte er. „Wieso nicht für mich?“
„Die Karte ist unübertragbar. Sie galt nur für den einen Zug.“ Ich starrte gegen Glas. „Meine Lebensversicherung...“, brachte ich heraus. Schwach, dumm und häßlich verließ ich den großen Bahnhof |
|||